Haiti: Chemen Lavi Miyò (CLM) – Der Weg in ein besseres Leben

SITUATION

Haiti ist das ärmste Land des lateinamerikanischen Kontinents. Fast 60 Prozent der haitianischen Bevölkerung leben unter der nationalen Armutsgrenze von 2,41 USD am Tag und rund ein Viertel lebt unter der nationalen extremen Armutsgrenze von 1,23 USD am Tag. Diese Menschen gelten als extrem arm („ultrapoor“): Sie können sich häufig keine einzige richtige Mahlzeit am Tag leisten, sie leben in Hütten, die keinen wirklichen Schutz bieten und ihre Gesundheit ist durch die mangelhafte Ernährung und den fehlenden Zugang zu sauberem Trinkwasser dauerhaft gefährdet. Viele von ihnen haben keine Toilette und müssen ihren Bedürfnissen auf den umliegenden Feldern nachkommen, wodurch sie sowohl sich selbst als auch andere Menschen in ihren Gemeinden gefährlichen Krankheitskeimen aussetzen. Ein Viertel der haitianischen Kinder zwischen 5 und 14 Jahren muss arbeiten, um die Familie zu unterstützen. Die Familien stehen nicht nur vor einer Vielzahl an wirtschaftlichen Herausforderungen, sie leben oft auch isoliert und ohne Kontakt zu anderen Gemeindemitgliedern. Viele der Betroffenen sind Frauen, die weder über Geld, noch über Land oder das nötige Wissen verfügen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder aufzubringen. In Regionen wie dem Zentraldepartment, in denen es an Arbeitsmöglichkeiten fehlt, ist eine Selbstständigkeit für diese Frauen der einzige Weg aus der Armut. Doch ohne Unterstützung von außen sind sie nicht in der Lage, sich eine dauerhafte Existenzgrundlage aufbauen.

DIE METHODE

Unsere Ultrapoor-Projekte basieren auf dem sogenannten „Graduierungsansatz“, der von einer NGO in Bangladesch entwickelt wurde. Graduierung bedeutet, dass die Teilnehmer/innen nach der Projektdurchführung bestimmte Kriterien erfüllen mit denen belegt wird, dass sie sich eine wirtschaftlich nachhaltige Existenzgrundlage geschaffen und ihre Lebensumstände sich nachweislich verbessert haben. Unser haitianischer Partner, die Fonkoze Stiftung, nutzt diesen Ansatz schon seit 11 Jahren erfolgreich in seinem Programm „CLM – Der Weg in ein besseres Leben“. Studien zu den Ergebnissen dieses Projektmodells in verschiedenen Ländern haben ergeben, dass es sich hierbei um eine äußerst wirkungsvolle Methode zur nachhaltigen Beseitigung extremer Armut handelt.

AKTUELLE PROJEKTE

Seit September 2017 führen wir gemeinsam mit Fonkoze ein Projekt mit 150 Teilnehmern und Teilnehmerinnen im Zentraldepartment durch. Im Juni 2018 konnten wir dank der Unterstützung von privaten und institutionellen Spendern ein weiteres Projekt starten, diesmal für 250 Teilnehmer/innen. Die beiden Projektregionen liegen nahe beieinander.

PROJEKTZIEL

Ziel der beiden Projekte ist es, der ländlichen Bevölkerung eine Perspektive für die Zukunft zu schaffen. Die Familien werden sich eine nachhaltige Existenzgrundlage aufbauen, ihre Gesundheitssituation verbessern und sie werden am Ende der Projekte über eine stabile Hütte und eine Latrine verfügen.

Ihre Lebenssituation wird sich hierdurch maßgeblich verbessern und sie können damit einen ersten Schritt aus der extremen Armut machen. Der ganzheitliche Ansatz des Projektes leistet einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung und zur Frauenförderung im Zentraldepartment Haitis.

Da die Frauen in den ländlichen Gebieten Haitis durchschnittlich vier Kinder haben, wird sich im Ergebnis nicht nur die Situation der insgesamt 400 Teilnehmer/innen verbessern, sondern es werden insgesamt etwa 2.000 Menschen erreicht.

AKTIVITÄTEN

Auswahl der Familien: In den Zielgemeinden werden alle Haushalte mit Hilfe einer sogenannten Armutsskala bewertet und die ärmsten Haushalte ausgewählt. In den ausgewählten Familien sind es Frauen, die die direkten Begünstigten sind, es sei denn ein alleinstehender Mann mit körperlicher Behinderung und Kindern lebt unter ähnlich schlechten Bedingungen.

Einkommensgenerierende Aktivitäten und begleitende Schulungen: Die Projekte bieten verschiedene Kombinationen von Schweine-, Ziegen- und Geflügelhaltung, Kleinhandel und Gemüseanbau an. Die Teilnehmer/innen wählen jeweils zwei Aktivitäten aus, denen sie gerne nachkommen möchten und können. Es wird immer möglichst eine Aktivität mit kurzfristigem und eine mit längerfristigem Ertrag kombiniert. Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Kombination langfristig die Erfolgschancen steigert.

Die notwendigen Kenntnisse zur erfolgreichen Umsetzung der Aktivitäten werden in Schulungen zu Themen wie Tierhaltung, Verkaufspraktiken, einfacher Buchhaltung, Anbautechniken und Schädlingsbekämpfung vermittelt. Außerdem werden die sozialen Kompetenzen der Teilnehmer/innen gestärkt, damit sie zukünftig aktive Mitglieder der Gemeinde werden. Dies ist sehr wichtig, da viele der Begünstigten zuvor aufgrund ihrer extremen Armut sehr isoliert gelebt haben. Die Schulungen werden alle drei Monate für jeweils drei Tage wiederholt und das Erlernte aufgefrischt und vertieft.

Wöchentliche Besuche und Coachings: Die persönliche Betreuung der Familien durch die Mitarbeiter von Fonkoze ist ein sehr wichtiger Projektbestandteil. Während der wöchentlichen Besuche werden Probleme besprochen und es wird gemeinsam nach Lösungen gesucht. Die Besuche bieten die Möglichkeit für den Aufbau von Vertrauen, für Ermutigungen und sind ein kontinuierliches Training. Insgesamt werden zwölf Themen behandelt, wie beispielsweise Hygienemaßnahmen und die Bedeutung von sauberem Trinkwasser sowie einer sauberen Toilette für die Gesundheit der Familie. Weiterhin werden kurze Lese- und Schreibübungen gemacht und über die Bedeutung von Spareinlagen gesprochen. Auch der Zustand der Tiere und des Gemüseanbaus werden überprüft.

Fördergeld für 24 Wochen: Da die einkommensgenerierenden Aktivitäten anfangs nur wenig Ertrag bringen, bekommen die Teilnehmer/innen in den ersten Monaten ein wöchentliches Fördergeld in Höhe von 350 Gourdes (ca. 4,40 €). Die Familien, die oft unter Mangelernährung leiden, brauchen diese Unterstützung als „kleine Atempause“ im täglichen Überlebenskampf. Die finanzielle Unterstützung soll außerdem verhindern, dass die Begünstigten aus Not und Hunger das Vieh verkaufen oder selbst verzehren. Über den Einsatz des Geldes wird wöchentlich mit den persönlichen Betreuern gesprochen und dabei der Fokus auf Nahrung und die Schulbildung der Kinder gelegt. Damit die Begünstigten lernen zu sparen, wird für sie ein Sparbuch eingerichtet und bei den Treffen über die Wichtigkeit von Spareinlagen gesprochen.

Aufbau von lokalen Strukturen: Die Zusammenarbeit mit den Gemeinden ist für den Projekterfolg von großer Bedeutung. Mit der Gründung von sogenannten „Village Assistance Committees“ (VACs) durch engagierte Gemeindemitglieder sollen die Teilnehmer/innen der Projekte jederzeit Ansprechpartner bei auftauchenden Problemen haben und langsam in die Gemeindeprozesse reintegriert werden. Die VAC-Mitglieder bekommen Schulungen zu Konfliktmanagement, Nutztierhaltung und Dorfentwicklung. Von dieser Maßnahme profitiert langfristig nicht nur die Zielgruppe, sondern die gesamte Gemeinde.

Da nicht alle Begünstigten die Möglichkeit haben, zur Bankzweigstelle nach Thomonde zu gehen, werden innerhalb der ersten Monate des Projekts in bestimmten Nachbarschaften „Village Savings and Loans Associations“ (VSLAs) etabliert. Diese selbstorganisierten, dörflichen Spar- und Kreditpartnerschaften bieten ihren Mitgliedern eine Möglichkeit, Sparguthaben anzulegen und Zugang zu Mikrokrediten zu erhalten.

Gesundheitsversorgung: Durch die Zusammenarbeit mit „Zanmi Lasante“, Haitis größter NGO im Bereich  Gesundheitsdienstleistungen, erhalten die Familien kostenlose Untersuchungen und Präventivmedizin in der nächstgelegenen Gesundheitsstation. Alle Kinder werden auf Unterernährung geprüft und falls nötig wird die entsprechende Behandlung organisiert.

Die Begünstigten werden bei Bedarf in die nächstgelegene Gesundheitsstation oder das Krankenhaus begleitet, da sie sich dort im Normalfall nicht auskennen. Hierfür wird mit einer Gesundheitsberaterin zusammengearbeitet, die geprüfte Krankenschwester und gleichzeitig Patientenfürsprecherin ist. Sie klärt die Frauen auch über Verhütung auf.

Verbesserung der Trinkwasser-, Wohn- und Sanitärsituation: Jede Familie erhält einen Wasserfilter um einen permanenten Zugang zu sauberem Trinkwasser sicherzustellen. Die Wasserqualität wird wöchentlich von den Betreuern überprüft. Für den Bau einer Latrine sowie für die Renovierung oder den Neubau einer einfachen, wetterfesten Hütte werden Baumaterialien zur Verfügung gestellt. Hilfestellung beim Bau erhalten die Familien von örtlichen Handwerkern.