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Ruanda: Eine friedliche Zukunft durch Bildung und Entwicklung

27. März 2017

Am 7. April jährt sich der Genozid in Ruanda zum 23. Mal. In annähernd 100 Tagen töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit sowie moderate Hutu, die sich am Völkermord nicht beteiligten oder sich aktiv dagegen einsetzten – Schätzungen sprechen von über einer Million Toten.  In Gedenken finden dazu jährlich die „100 Tage des Gedenkens“ statt.

Britta Kollberg (r.) zu Besuch einer Microschool in Ruanda.

Anlässlich dieser Gedenktage und der damit verbundenen Trauerfeier reiste die Opportunity-Unterstützerin Britta Kollberg letztes Jahr mit einer offiziellen europäischen Delegation nach Kigali, Ruanda. Frau Kollberg arbeitet als Programmberaterin und Leiterin des Bereichs „Development & Fundraising“ für die Amadeu Antonio Stiftung sowie als freiberufliche Übersetzerin, Fachredakteurin und Autorin. Bevor sie jedoch mit der Delegation Überlebende traf, Gedenkstätten besuchte und an den offiziellen Gedenkfeierlichkeiten teilnahm, besuchte sie zusammen mit unserem lokalen Partner Urwego Opportunity Bank Schulen aus unserem Microschool-Programm.

Freundlicherweise hat uns Frau Kollberg ihre Reiseerfahrungen später zukommen lassen. Anlässlich der erneuten 100 Gedenktage vom 7. April bis Mitte Juli lassen wir Sie an Frau Kollbergs Erlebnissen an den Microschools teilhaben…

„Die Tür klappt pausenlos auf und zu: Kinder kommen herein, fragen etwas, schmiegen sich an die Schulleiterin und springen mit ihren Zeugnissen wieder hinaus. Erst als Esperance Ntawunozabino die Tür für ein paar Minuten von innen abschließt, können wir unser Gespräch führen. „Das war Louis, einer unserer besten Schüler“, sagt sie voller Stolz über den Jungen, dessen Zeugnis sie gerade –– unter einem Stapel Papiere in ihrer Anlage hervorzieht.

Ich denke an meine früheren Schulleiter und Schulleiterinnen: Je seltener ich sie sehen musste und je weiter weg ich dabei stehen durfte, umso besser. Nie wäre es mir eingefallen, mich an eine von ihnen zu kuscheln. Fast scheint es mir, als hätte der Hauptteil unseres Gespräches hier in Kigali schon stattgefunden – wortlos, doch mit sehr sprechenden Szenen und Gesichtern.

Schüler zeigen stolz ihre Zeugnisse

Letzter Schultag an der Kigali Harvest School vor den Aprilferien. Zwei Wochen liegen vor den Kindern, die nicht nur den Beginn der Regenzeit markieren und das Ende des ersten Schultrimesters, sondern vor allem eine ernste Zeit einläuten: die 100 Tage des Gedenkens an den Genozid, der am 7. April 1994 begann und bis Mitte Juli 1994 andauerte. In 100 Tagen wurden damals mehr als eine Million Menschen getötet, auf den Straßen, in Häusern, in Schulen und Kirchen. 22 Jahre ist das her, und das alljährliche landesweite Gedenken sorgt dafür, dass die Überlebenden in ihrer Trauer nicht allein bleiben und das „Nie wieder“ ein Anspruch für alle Gesellschaftsschichten und Generationen wird. In den zwei kommenden Wochen werden auch viele der Kinder der Kigali Harvest School mit ihren Eltern oder Pflegefamilien zu den Orten gehen, an denen ihre Verwandten starben, sich ihrer erinnern und dem Trauma stellen.

Wegen dieser Geschichte bin ich im Land, als Teil einer europäischen Delegation bei den offiziellen Gedenkfeierlichkeiten in der ersten Woche der 100 Tage. Doch ich will auch das andere, das neue Ruanda sehen, vor allem die von Opportunity International unterstützten Microschools. Deswegen bin ich extra vor den Ferien gekommen, um Pacifique Nkongori auf seiner Tour durch einige Schulen zu begleiten. Pacifique koordiniert bei der Urwego Opportunity Bank den Bereich Bildung. Er berät Schulgründer, prüft Anträge, vergibt Kredite, begleitet die Vorhaben – und fährt immer wieder in die einzelnen Schulen, um zu sehen, wie es vorangeht, wo es hakt und wo Hilfe, Weiterbildung oder auch etwas Nachdruck vonnöten ist.

Microschools – eine Entwicklungschance für Kinder und Kommunen

Bildung hat in Ruanda besondere Bedeutung. Wissen, Modernität und Fortschritt haben Ruanda zu einem Vorbild für andere afrikanische Staaten gemacht. Ein neues Land entsteht. Zugang zu Bildung ist dabei für die Entwicklung des Landes und für die Zukunft des Einzelnen entscheidend. Armut ist jedoch nach wie vor eines der großen Probleme Ruandas und eine Bildungshürde für viele Familien – nicht theoretisch, aber ganz praktisch: Das allgemeine Schulrecht Ruandas gewährleistet zwar einen Schulplatz für jedes Kind, dieser kann aber unter Umständen sehr weit vom Wohnort entfernt sein, da viele lokale Schulen überfüllt sind. Mehrere Stunden Schulweg sind daher keine Seltenheit. Pacifique erzählt mir sogar von Kindern, die jeden Morgen mehrere Stunden bis zur Schule laufen – und am Nachmittag wieder zurück. Für Hausaufgaben oder einfach eine Stunde Spielen am Abend bleibt dann keine Zeit. Der fehlende Zugang zu Bildung aufgrund der weiten Wege zu den Schulen war wohl der Hauptimpuls für die ersten Microschools in Ruanda. Bis heute werden die meisten von ihnen vor allem gegründet, um dem großen Bedarf nach lokalen Schulen nachzukommen.

Es sind die Menschen vor Ort, die sich des Problems annehmen und Schulen gründen: Menschen, denen es um die Kinder und Familien in ihren Gemeinden geht. Diese Schulgründer haben unterschiedliche berufliche Hintergründe und auch deshalb sind ihre Schulen sehr individuell entwickelt. So wird der Bildungskoordinator Pacifique immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Bei der Urwego Opportunity Bank geht es aber nicht nur um Mikrokredite und pünktliche Rückzahlungen der Kredite. Pacifique und seine Kollegen arbeiten nach dem Prinzip der Sozialen Mikrofinanz – zum Hilfsangebot zählen deshalb auch verschiedenste Schulungen und Vernetzungsangebote, um die Schulgründer und Schulgründerinnen sowie ihre Schulen ganzheitlich zu stärken.

Bisher hat hier der Unterricht statt gefunden…

Einige der Schulgründer sind Pastoren und Kirchgemeinden, die erst im Tun lernen müssen, wie eine Schule funktioniert – als Bildungseinrichtung und wirtschaftlich. In Rwamagana in der Ostprovinz Ruandas zeigt uns der Pfarrer seine kleine, im Aufbau befindliche Schule. Zwei Räume in einer länglichen Baracke beherbergen schon die erste und zweite Klasse, nun soll mithilfe eines Kredits die Schule weiter ausgebaut werden. Wir schauen in die beiden dunklen Zimmer, in denen bis gestern noch Unterricht statt gefunden hat: Für die Ferien sind die Stühle in die kleine Dorfkirche nebenan geräumt, sagt der Pastor. Und viel mehr ist auch sonst nicht zu sehen im Klassenraum. Worauf schreiben die Kinder, fragt Pacifique. Er schaut genau hin und berät sich mit dem Pfarrer, was die Schule derzeit braucht. Wir gehen in die Kirche, einen kleinen Bau mit selbstgemauerten Wänden, zwischen dünnen Balken weht der Sandstaub durch die Dämmerung. Auch hier stehen nur wenige Bänke. Pacifique geht die Zahlen nochmal mit dem Pfarrer durch: Wie viele Schüler gibt es bis jetzt und sollen künftig dazu kommen, mit wieviel Einnahmen durch Schulgebühren ist zu rechnen? Wird sich die Schule irgendwann selbst tragen können? Schließlich empfiehlt er für den Beginn einen kleineren Kredit und wird wiederkommen, um zu schauen, wie sich die Situation vor Ort entwickelt hat.

Ein ganz anderes Bild bietet die Progressive Academy Nursery & Primary in Kigalis Stadtteil Kagugu. Remy, der Betreiber, ist ein Geschäftsmann, seine Mutter Marie Jeanne eine erfahrene Lehrerin und die Schuldirektorin. Die Familie besitzt einiges Land, auf dem sie bis vor wenigen Jahren Rinder züchtete. Dann sahen sie den großen Bedarf an Schulplätzen in ihrem Viertel und beschlossen, in Bildung zu investieren. Ihre Schule wuchs schnell, die Kinder kamen auch aus der weiteren Umgebung, um auf dem freundlichen Schulgelände zu lernen. Die Wiesen vor dem Tor, auf denen einst Kühe weideten, bieten heute Platz für einen Schulgarten. Nun, da die ältesten Jahrgänge aus der Vor- und Grundschule herauswachsen, soll ein Anbau für einen Oberschultrakt dazu kommen. Dies ist das erste Mal, dass Remy Kontakt zur Urwego Opportunity Bank aufnimmt und Pacifique hierher kommt. Der Kreditantrag hat Hand und Fuß und ein Kredit wäre hier sinnvoll investiert – an einem Ort am Stadtrand Kigalis, wo Bildungsperspektiven mehr als nottun.

Schulen als Orte der Anerkennung und Kinderrechte 

Die Microschools leisten einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Bildungswesens in Ruanda. Sie fördern sie kommunale und soziale Entwicklung in den Regionen. Und wie überall im Land spielen auch in den Microschools die soziale Bildung und die Stärkung des individuellen und gesellschaftlichen Selbstverständnisses eine wesentliche Rolle. Denn Bildung kann trennen oder verbinden – Status und Vorurteile verfestigen oder gemeinsames Aufwachsen, Forschen und Zusammenleben fördern. „Wir alle sind Ruander“ – ist deshalb das Credo der neuen Zeit, ohne Unterschied der Herkunft, Ethnie oder Schicht.

In Ruanda werden Kinderrechte schon in der Primarstufe gelehrt

Und: jeder Mensch hat Rechte und Würde. Das ist eine der Lehren, die Ruanda aus den Erfahrungen des Genozids und seiner Vorgeschichte gezogen hat. Eine Lehre, die das neue Ruanda nicht nur in 100 Gedenktagen jährlich hervorhebt, sondern alltäglich in Politik, Arbeit, Justiz und Medien zu verankern versucht. Auch in der Bildung. In einer Schule auf dem Land blättere ich in einem Lehrbuch der Primarstufe und finde überrascht einen Abschnitt zu Kinderrechten. Ich erinnere mich an ein Projekt in Deutschland vor einigen Jahren, bei dem wir an Schulen in drei Bundesländern zu den UN-Kinderrechten arbeiteten, und fast überall damit Neuland betraten. Fast nirgendwo stießen wir auf nennenswertes Vorwissen bei Lehrern oder Schülern. Hier in Ruanda treffe ich die Kinderrechte nicht nur als Lehrbuchinhalt an, sondern später auch als Thema einer Jugendgruppe, in der sich Jugendliche selbst über ihre Rechte informieren und mit Rollenspielen gegenseitig darin stark machen, sie – z.B. in Situationen häuslicher Gewalt – anzusprechen und einzufordern.

Ein typisches Zeugnis in Ruanda

Zu den Kinderrechten gehört das Recht auf Bildung, und wie sehr gerade dieses hier geschätzt wird, lässt sich am letzten Schultag sehen. Selbst zum Trimester gibt es Zeugnisse, von der Vorschule an (Farben ersetzen hier die Noten), und sie werden mit viel Anerkennung verliehen. Auf allen Straßen des Landes sieht man die Mädchen und Jungen am Nachmittag sorgsam ihre Urkunden heimtragen. An einer Kreuzung in Kigali bleibt ein Grüppchen stehen, um ihre Zeugnisse stolz dem Verkehrspolizisten zu zeigen, der sie interessiert betrachtet.

In die Kigali Harvest School sind zu den Kindern und den festlich gekleideten Lehrerinnen und Lehrern auch zahlreiche Eltern gekommen, Mütter und Väter. Eingehend studieren sie die Zeugnisse ihrer Kinder, und selbst die Vierjährigen spüren, wie wichtig ihnen und den Lehrerinnen und Lehrern ihr Lernerfolg ist und wie stolz sie auf sie sind.

Über Schulgenerationen und Grenzen hinaus

Was das Engagement von Eltern bewirken kann, sehen wir bei unserem letzten Microschool-Besuch. Er führt uns ins Bethel College in Ruhango in der Südprovinz Ruandas. Die Sekundarschule mit 1.300 Schülern wird vom Elternförderverein getragen – eine der weiteren Überraschungen, die Ruanda für mich parat hält. In meiner Arbeit habe ich etliche Schulfördervereine in Deutschland beraten und begleitet, die meisten sehr klein und im Wesentlichen ein Instrument zur Mittelakquise für außerunterrichtliche Aktivitäten. Eltern blieben entgegen der Gründungsidee und trotz aller Bemühungen fast immer eine verschwindende Minderheit unter den Mitgliedern. Hier in Ruhango ist der Elternverein Träger einer hochprofessionellen Schule mit mehr als 60 Lehrerinnen und Lehrern, in deren Abschlussbesprechung vor den Ferien wir mitten hineinplatzen, als wir die Aula betreten. Jean Marie Nkurunziza, der Vorsitzende des Elternvereins, führt uns nach kurzer Vorstellung weiter und zeigt uns die Klassenräume, den Sportplatz,  die Mensa – und eine Baustelle, die fast noch einmal so viel Fläche wie das bisherige Schulgelände  einnimmt. Das Bethel College baut einen Berufsschultrakt, um den aus der Sekundarstufe herauswachsenden Schülergenerationen künftig weiterführende technische Ausbildungsgänge anzubieten.

Schüler zeigen stolz ihre Zeugnisse. Ein Kredit bei der Urwego Opportunity Bank, der erste auch für diese Schule, würde Jean Marie nicht nur weiteren finanziellen Spielräume für den Ausbau der Schule eröffnen, sondern auch eine Vernetzung und damit einen Austausch mit anderen Microschools ermöglichen. Und auch Pacifique will das Bethel College in das Netzwerk „seiner“ Microschools hineinholen. Das Bethel College wäre ein zuverlässiger und attraktiver Partner für die Urwego Opportunity Bank. Aber es wäre auch ein spannender Partner für die mittlerweile 70 Microschools im Urwego-Netzwerk, die mit- und voneinander lernen, wie sich Bildung managen lässt.

Kinder im ruandischen Rwamagana

Unsere Spenden können zu solchen Bildungsbewegungen beitragen. Das große Potential der Kinder in Ruanda – und anderen Ländern dieser Welt – lohnen unser Engagement. Die Spenden verhelfen zudem nicht nur der jetzigen Generation zu einer guten Schulbildung und hoffnungsvolleren Zukunft. Auch kommende Generationen können von unserer Unterstützung profitieren – denn die Kredite von Opportunity werden nach erfolgreicher Rückzahlung erneut an engagierte Schulgründerinnen und Schulgründer vergeben.“

 

Hinweis:
Aktuell fördert Opportunity International Deutschland nur Microschools in Ghana.