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Vom Wirtschaftsboss zum Entwicklungshelfer

Knueppel und Klient
Stefan Knüppel mit Kreditnehmer in Westtimor

Er hat fast alles erreicht, was man in der Wirtschaft erreichen kann: Jörg-Stefan Knüppel (43) gehörte bis vor wenigen Wochen zur Spitze der Handelsgruppe „EK-Großeinkauf“. Als einer von drei Vorständen der Genossenschaft, die 1,4 Milliarden Euro im Jahr umsetzt und 2.500 Mitglieder hat, war der in Bielefeld lebende Westfale zuständig für das internationale Geschäft und den Bereich Elektrogeräte.
Pro Jahr absolvierte er bis zu 140 Flüge. Er hatte ein Sekretariat, ein schickes Büro, den Dienst-Mercedes, ein stattliches Gehalt.
Das alles hat Knüppel jetzt aufgegeben: Der studierte Wirtschaftswissenschaftler will künftig hauptamtlich für die christliche Stiftung „Opportunity International“ arbeiten, die mit Kleinstkrediten zur Gewerbeförderung die Armut in der Dritten Welt bekämpft.

Wenn eigene Probleme zusammenschrumpfen

Den Blick für die Not der Welt hat Knüppel schon früh bekommen. Bereits als 17-jähriger nahm er als Mitglied eines christlichen Chors an einer Kenia-Reise teil.
„Als ich in Afrika das Elend in den Slums und den Gefängnissen sah, schrumpften meine eigenen Probleme plötzlich völlig zusammen“, erinnert er sich. Der junge Mann, der aus einer Brüdergemeinde kommt, engagierte sich dann für das Missionswerk DIGUNA („Die gute Nachricht für Afrika“) und ist dort bis heute Mitglied im Aufsichtsrat.
„Die ehrenamtliche Arbeit in diesem Missionswerk hat mich so geprägt, dass mein jetziger Ausstieg aus meiner wirtschaftlichen Leitungsposition ohne DIGUNA nicht denkbar gewesen wäre.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Bei seinem künftigen Arbeitgeber schätzt der aussteigende Wirtschaftsboss die Effektivität. OID vergibt in Entwicklungsländern Kleinstkredite, damit Arme ein Gewebe beginnen können. Von dem Geld kaufen sie beispielsweise eine Nähmaschine, um Kleider herzustellen, oder einen großen Herd, um an der Straße eine Imbissbude zu eröffnen.

Knueppel mit Klientin
Stefan Knüppel mit Klientin in Indonesien

Das Konzept funktioniert und hat im Gegensatz zu anderen Formen der Entwicklungshilfe einen entscheidenden Vorteil: investiertes Geld geht nicht verloren. 97 Prozent der Kreditnehmer können den Betrag zurückbezahlen, und da auch ein akzeptabler Zinssatz verlangt wird, liegt die Selbstfinanzierungsquote sogar bei über 100 Prozent.
Im Klartext: an OI gespendetes Geld hilft nicht nur einem einzigen Existenzgründer, sondern vielen, da das geborgte Geld zurückgezahlt wird und dann wieder verliehen werden kann. Inzwischen hat sich eine Summe von 73 Millionen Euro angesammelt, die derzeit von rund 500.000 Kreditnehmern in die eigene Zukunft investiert wird.
Das kommende halbe Jahr wird Jörg-Stefan Knüppel nun mit seiner Frau (Lehrerin) und den beiden vietnamesischen Adoptivkindern in Asien verbringen, um sich die Arbeit von OI vor Ort anzusehen.
Anlaufstationen sind Indien, Indonesien und die Philippinen. Auf den ersten Blick sieht der Dienst von OI nicht spezifisch christlich aus, doch betont Knüppel auch die geistliche Ausrichtung der Arbeit. Die Kleingruppen in der Dritten Welt, die über die Auszahlung der Kredite entscheiden, treffen sich wöchentlich und befassen sich mit verschiedenen Themen.

 Über Gott und Geld reden

Neben Geld geht es um Fragen der Lebensführung, der Ethik und des Glaubens. Das Hilfswerk füllt nach Knüppels Überzeugung eine wichtige Lücke.
„Für Missionsgesellschaften ist es oft sehr schwierig, auf wirtschaftliche Fragen eine Antwort zu finden. Aber die wirtschaftliche Not des Mitmenschen in Indonesien ist doch auch unsere Not, die wir nicht verdrängen dürfen.“
Knüppel jedenfalls verdrängt sie nicht – und hat zur „professionellen Armutsbekämpfung“, wie er die Arbeit von OI nennt, einen Teil seines eigenen Reichtums aufgegeben.

(Quelle: idea spektrum 45/2004)

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