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Was ist Armut?

Man unterscheidet allgemein drei verschiedene Grade der Armut: extreme, gemäßigte und relative Armut:

1. Extreme oder absolute Armut bedeutet, dass die Menschen die Grundbedürfnisse zum Überleben nicht befriedigen können. Sie sind chronisch unter- oder mangelernährt, haben keine Möglichkeit, sich ärztlich behandeln zu lassen, leben ohne Versorgung mit sauberem Trinkwasser und haben keine Kanalisation und Müllabfuhr.
Ihre Unterkünfte bestehen höchstens aus Blech- oder Bretterverschlägen und sie können sich elementare Kleidungsstücke, wie etwa Schuhe, und den Schulbesuch ihrer Kinder nicht leisten. Extrem arm ist ein Mensch laut Definition der Weltbank, wenn er weniger als 1 US-Dollar (0,80 Euro) pro Tag verdient.

Der Präsident der Weltbank definierte diese absolute Armut folgendermaßen: „Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, der unsere durch intellektuelle Phantasie und privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft übersteigt."

2. Mit gemäßigter Armut bezeichnet man im Allgemeinen Lebensbedingungen, bei denen die Grundbedürfnisse zwar gedeckt sind, aber nur knapp. Laut Definition der Weltbank lebt ein Mensch in gemäßigter Armut, wenn er nur 1-2 US-Dollar am Tag zur Verfügung hat.

3. Von relativer Armut spricht man in der Regel bei Haushalten, deren Einkommen unter einem bestimmten Anteil des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens liegt. Die relativ Armen in Ländern mit hohem Einkommen haben keinen Zugang zu Kulturgütern, Unterhaltungsveranstaltungen, Freizeitaktivitäten, guter ärztlicher Versorgung und Bildungsangeboten.

Rund 1 Milliarde Menschen, das sind 1/6 der Weltbevölkerung, sind extrem arm.
1,5 Milliarden leben insgesamt unter der Armutsgrenze, das sind rund 40 Prozent der Weltbevölkerung.

Ebenen der Armut bei Opportunity International

Armut hat viele Gesichter. Der tägliche Überlebenskampf für einen arbeitslosen Fabrikarbeiter in Kroatien sieht anders aus als der einer Großfamilie, die in einer Blechhütte in den Slums von Jakarta lebt.

Opportunity International unterscheidet in seiner Betreuung vier verschiedene Ebenen der Armut:

Armutspyramide

1. Die extrem Armen
Auf der untersten Stufe der Pyramide befinden sich die Ärmsten der Armen, die auch den größten Teil der armen Menschen weltweit ausmachen. Sie haben fast gar keinen eigenen Besitz und selbst keine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Deswegen müssen sie betteln und sich von Abfällen ernähren. Doch genau diesen Menschen ist schon mit einem kleinen Kredit zwischen 40 und 150 Euro geholfen. So können sie z. B. eine Nähmaschine anschaffen und Kleidungsstücke nähen und verkaufen. Oder sie können einen kleinen Stand für Lebensmittel eröffnen.

2. Die arbeitenden Armen
Farmarbeiter, Hausangestellte oder einfache Arbeiter, die nicht genug Arbeit bekommen können, leben oft in erheblicher Not. Bereits durch einen Kleinkredit zwischen 150 und 400 Euro werden sie in die Lage versetzt, sich selbst ein stabiles Einkommen zu erarbeiten, z. B. durch die zusätzliche Produktion von Kleidung, Schmuck oder Haushaltsgütern wie Petroleumlampen.

3. Die selbständig arbeitenden Armen
Die dritte Stufe der Armut besteht aus Menschen, die schon ein kleines Unternehmen haben, das aber nicht genug Gewinn macht. Ihnen kann schon mit einem Kredit von etwa 400 bis 1.500 Euro geholfen werden. So kann sich z. B. ein Fischer ein besseres Boot kaufen und so seinen Ertrag verbessern. Jemand, der einen kleinen Kiosk unterhält, kann sein Angebot erweitern und so mehr Kunden erreichen.

4. Die unternehmerisch tätigen Armen
Ein kleiner Teil der Armen ist die Gruppe der unternehmerisch tätigen Armen, die nur knapp unter der Armutsgrenze leben. Um ihnen zu helfen, braucht man schon einen Kredit zwischen 2.500 und 3.000 Euro. Dies ist oft in Osteuropa der Fall, wo man mit einem Darlehen von ein paar Euro nichts ausrichten kann. Dafür sind diese Menschen dann in der Lage, ihr kleines Unternehmen, z. B. einen Marktstand oder eine Autowerkstatt, zu erweitern und anderen armen Menschen wiederum zu einem Arbeitsplatz zu verhelfen.

Opportunity International bemüht sich, in erster Linie der großen Masse der Ärmsten der Armen eine Existenz zu verschaffen. Aber wir wollen auch, wo es nötig ist, den weniger Armen, die allerdings immer noch unter der Armutsgrenze leben, helfen. Dadurch wird es ihnen ermöglicht, ihr kleines Geschäft zu erweitern und so selber neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Die zehn Indikatoren für Armut der Grameen-Bank

Jedes Jahr untersuchen die Mitarbeiter der Grameen Bank die sozio-ökonomische Situation der zu betreuenden Mitglieder. Das Ausmaß der Armut wird anhand von zehn Indikatoren festgestellt.
Das Mitglied wird als nicht mehr in Armut lebend qualifiziert, wenn die Familie folgende Kriterien erfüllt:

1. Die Familie lebt in einem Haus mit wenigstens einem Blechdach und jedes Familienmitglied kann in einem Bett schlafen statt auf der Erde.

2. Der Familie steht Trinkwasser in irgendeiner Form (auch aufbereitet mit Tabletten oder Filtern) zur Verfügung.

3. Alle Kinder in der Familie, die über sechs Jahre alt sind, gehen in die Schule oder haben einen Schulabschluss.

4. Die wöchentliche Mindest-Rückzahlungsrate des Kreditnehmers liegt über 2 Euro.

5. Die Familie verfügt über eine Toilette.

6. Die Familienmitglieder haben jeden Tag angemessene Kleidung zur Verfügung, ebenso warme Sachen für den Winter, wie Schals, Pullover, Decken, usw, und Moskito-Netze, um sich vor den Moskitos zu schützen.

7. Die Familie hat eine zusätzliche Einnahmequelle, etwa einen Gemüsegarten oder Obstbäume, worauf sie zurückgreifen können, wenn sie ein Zusatz-Einkommen brauchen.

8. Die Kreditnehmerin hat einen durchschnittlichen jährlichen Kontostand von umgerechnet 50 Euro auf ihrem Sparkonto.

9. Es ist kein Problem für die Familie, drei vollwertige Mahlzeiten am Tag zu bekommen, so dass kein Familienmitglied zu keiner Jahreszeit Hunger leiden muss.

10. Die Familie hat Zugang zu medizinischer Versorgung. Falls ein Familienmitglied krank wird, können angemessene Schritte zu dessen Gesundung unternommen werden.

Der Kreislauf der Armut

Eine große Zahl der extrem Armen ist in der Armutsfalle gefangen und kann sich nicht aus eigener Kraft daraus befreien. Infektionskrankheiten, ungünstige geographische Bedingungen, ungünstige Klimaverhältnisse, wachsende Umweltschäden und die extreme Armut selbst haben sie fest im Griff; es entsteht eine Abwärtsspirale aus Verarmung, Hunger und Krankheit.

Arme sind nicht arm, weil sie faul sind, sondern weil sie es mit strukturellen Problemen zu tun haben, die sie daran hindern, sich ohne fremde Hilfe aus dieser Situation zu befreien.

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