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Redemanuskript

 

Autor:

Fritz-Ludwig Schmidt

Thema:

Begrüßung zur Ausstellungseröffnung: „Wer gründet eine Bank?“

mit Opportunity International Deutschland

Datum/Zeit:

Freitag, den 11. Mai 2007, um 18:00 Uhr

Ort/Lokalität:

Kundenhalle der Volksbank Kreis Bergstraße eG in Lampertheim

 

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

„Der Reichtum der Dritten Welt –

Hilfe zur Selbsthilfe“

 

Schon seit Jahren bewegen mich, aus Erfahrungen mit den Menschen der südlichen Halbkugel unserer Welt, Themen wie „Können wir die Armut bekämpfen und den Wohlstand fördern und dabei die Würde des einzelnen Menschen bewahren?“

Aus Erfahrung haben wir in den vergangenen Jahren feststellen müssen, dass selbst die besten sozialistischen Systeme sowie auch kapitalistischen Systeme es nicht schaffen, die Armut der Schwellenländer zu reduzieren. Leider nimmt sie noch zu.

Deshalb sind folgende vier Thesen für mich sehr wichtig:

1.                    Wir müssen aufhören, die Armut als unabänderlich hinzunehmen.

2.                    Die Ärmsten der Welt verfügen über eine gewaltige Kaufkraft, wenn man sie mit passenden Produkten zu Konsumenten macht.

3.                    Bei der Entwicklung des Marktes am Fuß der Wohlstandspyramide muss man sich am Konsumentenverhalten der Armen orientieren.

4.                    Wenn sich die Wohlstandspyramide zu einem Diamanten mit breiter Mittelschicht gewandelt hat, haben wir die Armut besiegt.

 

Die Idee ist genial:

 Wir besiegen die Armut in der Dritten Welt, indem wir die Menschen dort einfach nicht mehr als hilfsbedürftige Arme betrachten, sondern als potenzielle Kunden und Unternehmer.

Wie das gehen soll, zeigt unter anderem der profilierte Wirtschaftsvordenker C. K. Prahalad. Er kennt Beispiele etlicher bereits getesteter und funktionierender Modelle. Um den Markt am Fuße der Wohlstandspyramide zu erschließen ist zuallererst ein radikales Umdenken erforderlich.
Die Armen sind eben nicht nur die Mittel- und Perspektivlosen, sondern in gewisser Weise sind sie auch Konsumenten und Produzenten, die aber vom herrschenden Wirtschaftssystem völlig vernachlässigt werden. Solange man diese Menschen nur als „lästige Bürde“ für die Weltwirtschaft betrachtet, werden sie das auch bleiben.
Ganz anders sieht das aus, wenn wir die Chance erkennen, die die Armen am Fuß der Wohlstandspyramide für die Zukunft darstellen: Sie sind der Schlüssel für globalen Handel und Wohlstand.
Um diese Vision wahr werden zu lassen, bedarf es eines globalen Schulterschlusses zwischen den Regierungen mit ihrer Entwicklungshilfe, den Unternehmen und – ganz entscheidend – den Armen selbst. 

Folgende Lösung scheint dabei für mich möglich: 

Wir müssen die 4 Milliarden Arme in die Wirtschaft einbinden, sie zu Konsumenten machen und ihnen maßgeschneiderte Produkte und Dienstleistungen anbieten, die sie sich deshalb leisten können, weil sie gleichzeitig auf diesem Markt zu kleinen lokalen Basisunternehmen werden. Das hat bislang nur deshalb noch nicht funktioniert, weil uns bestimmte Glaubensgrundsätze im Weg stehen, wie zum Beispiel: 

1.                    Arme können sich unsere Produkte nicht leisten und an der Kostenstruktur kann man nichts ändern.

2.                    Arme können die Produkte gar nicht gebrauchen und wir können unsere Produkte nicht ändern.

3.                    In armen Ländern lohnen sich technologische Innovationen nicht. Die Menschen am Fuße der Wohlstandspyramide sind also kein    Motor für Innovationen. 

4.                    Große Unternehmen brauchen keine Basismärkte, um zu wachsen, für sie sind solche Märkte bestenfalls gelegentliche Spielwiesen.

 
Führungskräfte und Topmanager haben überhaupt kein Interesse daran, die Basismärkte zu entwickeln. Das alles sind Vorurteile, die es gilt, über Bord zu werfen. Denn am Fuße der Wohlstandspyramide ist Kaufkraft nicht nur vorhanden, sie ist sogar ausgesprochen hoch.

Es gibt eine so genannte Armutsprämie, die dafür sorgt, dass zum Beispiel im ärmsten Viertel einer indischen Großstadt ein privater Kredit 600 bis 1.000 % Zinsen kostet. In einer etwas besser gestellten Gegend beträgt er nur noch 12 bis 18 %. Privatwirtschaftliche Aktivitäten könnten diese Armutsprämie abschaffen. Dann ist es auch wichtig, bei der Marktentwicklung darauf zu achten, dass die angebotenen Produkte an die Basisbesonderheiten angepasst werden, etwa indem man kleinere Verpackungseinheiten anbietet, die den Konsummöglichkeiten der Armen (täglich ausbezahlte Löhne, wenig Bargeld) entgegenkommen.

Aus gut gemeinter Entwicklungshilfe in der Vergangenheit haben wir gelernt, dass nicht jedes Produkt oder jede Dienstleistung an jedem Ort der Erde Sinn macht.
Innovationen in den so genannten Basismärkten, also am Fuße der Wohlstandspyramide, müssen sich nicht nur an Kundenbedürfnissen sondern vor allem an den Gegebenheiten der jeweiligen Länder orientieren. Manager müssen also umdenken. Sich auf Neues einlassen.

Lohnt sich ein solcher Aufwand?

Natürlich drängt sich die Frage auf nach der Rentabilität. Mittlerweile gibt es erste erfolgreiche Projekte, aus denen große Unternehmen lernen können, wo ihre Chancen liegen, wenn sie sich am Basismarkt engagieren. In jedem Fall kann man durch die Beschäftigung mit dem Basismarkt sehr viel lernen, was die Qualität, Effizienz, Leistung und Nutzbarkeit von Produkten betrifft.
Ein schlagendes Beispiel: Wenn arme Eltern sich für ihr Baby pro Tag nur 2 Windeln leisten können, müssen diese deutlich besser sein als Windeln für die Top-Pyramide unseres Wohlstandes. Mikrounternehmen und Globalplayer müssen Hand in Hand arbeiten. 

Armut zu bekämpfen geht nur gemeinsam, deshalb verlangt der Basismarkt nach einem marktorientierten Ökosystem, in dem die Teilnehmer (Mikrounternehmen, kleine und mittelgroße Unternehmen, Kooperativen, große nationale und internationale Unternehmen) in einem dynamischen Gleichgewicht zueinander stehen. Gewinn ist hier für alle nicht nur möglich, sondern muss sogar die logische Konsequenz sein. Die Einzelunternehmer in den Dörfern der Dritten Welt erhalten das Know-how und die notwendige technische Ausrüstung von den großen Unternehmen und werden so unabhängig von selbstherrlich agierenden Zwischenhändlern (Tabakanbau!)

Die indische Bank of Madura etwa hat Selbsthilfegruppen aus jeweils 20 Frauen aus einem Dorf zum Geld sparen ins Leben gerufen und deren Entwicklung Schritt für Schritt begleitet: 

    bei der Organisation der Gruppe,

    dem Beginn des Sparens,

    der Investition der Ersparnisse,

    der Übernahme von Führungsaufgaben und

    der Verantwortung für ihr Dorf. 

Das Ziel war die Gewährung von Mikrodarlehen für den Bau von Einrichtungen wie einer öffentlichen Toilette im Dorf. Diese Fähigkeit zur Selbstverwaltung (die genossenschaftliche Idee) lässt sich mit den folgenden drei Schritten erreichen:

1.                    Die Armen müssen lernen, Verträge einzuhalten, denn nur so kann eine Win-Win-Situation entstehen. An einem Vertrag gibt es nichts zu rütteln. Sowohl der kleine als auch der große Partner muss sich darauf zweifelsfrei verlassen können.

2.                    Die Armen müssen Zugang zu Informationstechnologien und Netzwerken erhalten, das stärkt ihre gesellschaftliche Stellung, macht sie zu Insidern und festigt ihren Willen, Teil des Systems zu bleiben.

3.                    Selbsthilfegruppen haben die Verträge und deren Bedingungen voll im Griff und machen sie transparent, so dass die dörfliche Gemeinschaft weiterhin ein starkes Interesse daran hat, im System zu bleiben.

Auf diese Weise gelingt es, immer mehr Menschen am Marktsystem teilhaben zu lassen.

Der 66jährige Gründer der Grameen Bank, Professor Yunus, hat den Friedensnobelpreis für seine Mikrofinanzierungsarbeit in Bangladesh erhalten. Die Grameen Bank und Opportunity International benutzen das gleiche Konzept. Seine Auszeichnung ist eine Bestätigung der Wirksamkeit der Mikrofinanzierung und betont besonders die positive Auswirkung auf die Gesellschaft. Die Begründung des Friedensnobelpreiskommitee’s lautet:
„Dauerhafter Frieden kann nur erreicht werden, wenn große Bevölkerungsgruppen Wege finden, um aus der Armut auszubrechen. Mikrokredite sind ein Mittel dazu.“

Schon 5 Jahre zuvor war den Gründern von Opportunity International aufgefallen, dass die Vergabe von Kleinkrediten ohne Sicherheiten an mittellose Bauern und Handwerker zu erstaunlichen Ergebnissen führten. Dabei waren die Gründer, beide erfolgreiche Geschäftsleute, von ihrem christlichen Glauben motiviert.
Es ist für mich nicht verwunderlich, dass alle diese Gedanken schon bei dem großen Genossenschaftsgründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen im vorletzten Jahrhundert erfolgreich in die Tat umgesetzt wurden und die auch heute noch wirken, wie wir an dem Bestehen unserer Volksbank seit über 130 Jahren deutlich sehen.
In der Rhön hat Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit Pfarrer Adolf Wuttke seit Jahren große Erfolge mit Raiffeisens Darlehenskassenvereinen erzielt.
Als der Pfarrer als junger Geistlicher in seine Gemeinde kam, war der Ort derart heruntergekommen und in der Hand von Wucherern, dass die großherzogliche Regierung von Sachsen-Meiningen, zu der die Pfarrgemeinde gehörte, ernstlich erwog, das Dorf zu schleifen und die Bewohner auf Staatskosten nach Übersee zu verschiffen. Als letzte Chance für die Menschen wurde der junge Pfarrer in die Gemeinde geschickt. Dieser wandte sich an Raiffeisen und erbat seinen Rat. Durch dessen Buch über die Darlehenskassenvereine und dem persönlichen Schreiben Raiffeisens mit Hinweisen zur Gründung von Genossenschaften, gelang es dem Pfarrer, die Menschen aus den Händen der Wucherer zu befreien. Binnen weniger Jahre hatten die Darlehenskassenvereine die Situation bereinigt. Eine Bürstenfabrik war entstanden, die den Bauern zusätzliche Erwerbsmöglichkeiten bot; Brunnen und Straßen wurden gebaut.

Nicht erledigt hatte sich damals in 1880 die Arbeit des Genossenschaftsgründers. Seine Idee sollte die Welt erobern.

Sein Motto ist zeitlos:

„Einer für Alle – Alle für Einen.“

Für Friedrich Wilhelm Raiffeisen sind seine Vereine immer Unternehmen tätiger Nächstenliebe gewesen. Raiffeisen war dies geglückt, weil es ihm gelang, die Mitmenschen auf ihre „Christenpflicht“ hin anzusprechen.

Für ihn galt – und er sagte damals wörtlich: „Unser oberster Direktor heißt Jesus Christus!“
Seine Gründungen, die Darlehenskassenvereine, entwickeln sich dann allen Anfechtungen zum Trotz sehr gut. Bald ist das ganze Königreich mit solchen Vereinen überzogen. Aus dem Ausland kommen interessierte Anfragen.
Und diese Idee trägt auch heute noch Früchte - wie wir an unserer Ausstellung heute Abend hier erleben können.

Abschließend darf ich zusammenfassen, dass die vor ca. 150 Jahren gegründeten Genossenschaften in Deutschland Gründungen für Kinder in Not waren. Bis heute ist daraus ein stabiler, wenn auch in den vergangenen Jahren immer mehr belasteter, Mittelstand in Deutschland geworden.
Sicherlich wird und soll es immer wieder die Reichen geben, aber ein Maß für die Fortentwicklung einer Gesellschaft ist die Anzahl derer, die der Mittelschicht angehören. Unsere besten Verbündeten im Kampf gegen die Armut sind die Armen selbst. Kein Zweifel, der Weg zu einer Verbesserung ist noch weit.

Das Ziel muss es sein, die Wohlstandspyramide in einen Wohlstandsdiamanten zu verwandeln, mit einer kräftigen Mittelschicht, die dann die Unterscheidung von Basis- und Top-Konsumenten überflüssig werden lässt, weil der Basiskonsument zum Mainstream-Markt gehört.

Dieses ehrgeizige Vorhaben kann im nächsten Jahrzehnt gelingen. Vorausgesetzt der private Sektor bringt den Mut auf, sich mit aller Macht zu engagieren und sich auf die Perspektiven der Armen einzulassen: Flexibilität und Ausdauer – Dann ist ein Ende der Armut keine bloße Utopie mehr.

Wir wollen heute zu all diesen Gedanken mit einem praktischen Beispiel anstoßen und daran erinnern, dass sich die sozialreformerische Idee einer wirtschaftlichen Solidarität mit christlicher Nächstenliebe der Genossenschaftsgründer Raiffeisen und auch Schulze-Delitzsch, einen weltweiten Siegeszug eingeleitet haben und dieser auch in der Arbeit von Opportunity  International sehr segensreich und nachhaltig wirken kann.
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