Opportunity-Mitarbeiterin Anke Luckja bereiste zwei Wochen das westafrikanische Land Ghana, um den Kollegen unserer Partnerorganisation vor Ort die Grundlagen europäischer Bürokratie nahe zu bringen. Lesen Sie hier ihren Bericht:
"Das afrikanische Sprichwort "Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit" gibt sehr anschaulich die Mentalität der Einheimischen wieder. An die in Europa unübliche Langsamkeit musste ich mich erst gewöhnen.
Es war meine erste Reise nach Schwarzafrika und ich war noch dazu allein. Endlich konnte ich das lang geplante und von der EU co-finanzierte Projekt starten und unsere Partner mit der europäischen Bürokratie vertraut machen. Ein ganzes Jahr hatte Opportunity sich nur mit der theoretischen Seite dieses Projektes, in dem über 1.000 Frauen mit einem Kredit aus der Armut geholfen werden soll, beschäftigt. Es wurden Budgetpläne aufgestellt, Orte sowie Klienten gesucht und Evaluierungen durchgeführt.
Nach einem Jahr Theorie nun endlich die Praxis. Die Praxis bedeutete zunächst einen Temperaturunterschied von 40 Grad und extreme Luftfeuchtigkeit. Nach einem achtstündigen Flug nach Accra, einer kurzen Nacht und einer Busfahrt, die allerdings sieben statt vier Stunden dauerte, kam ich endlich in Kumasi an. Nach einer weiteren Nacht mit ein wenig mehr Schlaf hieß mich meine Kollegin Elisabeth, Koordinatorin unserer Partnerorganisation Sinapi Aba Trust, willkommen und zeigte mir nach dem Besuch im Head Office einige Klientinnen, denen bereits mit Krediten geholfen wurde.
Auf dem berühmten Central Market in Kumasi gibt es laut Reiseführer außer Schiffen und Flugzeugen ALLES zu kaufen, und so kam es mir auch vor. Eine Stunde in den engen und dunklen Gassen des Marktes, zwischen Garküchen, Hühnerställen, mit undefinierbaren Gerüchen und der unbeschreiblichen Hitze ließ mich schnell abgekämpft aussehen.
Doch das Treffen mit den Klientinnen, die mit unterschiedlichen Krediten ihre kleine Suppenküche, ihre Näherei, oder ihren Haushaltswarenladen soweit verbessert und ausgebaut hatten, dass sie mit dem erwirtschafteten Geld sich und ihre Familien gut ernähren und ausbilden konnten, entschädigte für die Qual. Sah man trotz der für uns immer noch ärmlichen oder bescheidenen Lebenslage in das Gesicht dieser Frauen und ihrer Kinder, erkannte man dennoch große Dankbarkeit und Glück.
Meine weitere Reise sollte mich noch in die sehr ländlich gelegenen Regionen Tarkwa und Prestea bringen. Diese Gegenden, die aufgrund der zahlreichen Goldminen und des Bauxitabbaus einer riesigen Mondlandschaft gleicht, machte neben der übrig gebliebenen Natur einen erschreckenden Eindruck, zumal das Erste, das ich bei der Ankunft in Tarkwa entdeckte, riesige Geier waren. Geier kannte ich bis dato nur aus dem Zoo und auf einmal sah ich eine große Anzahl „live" bei der Umkreisung des örtlichen Schlachthauses.
Die Mitarbeiter der hiesigen Filiale freuten sich schon auf unsere Ankunft, hatten sie doch bereits von der „gewünschten" bürokratischen Mehrarbeit gehört, mit der ich sie nun konfrontierte. Nach einer Präsentation und einem Austausch über die Projektabwicklung fuhren wir nach Prestea, einem noch ländlicher gelegenen Örtchen etwa 50 Kilometer von Tarkwa entfernt. In dieser kleinen Gemeinde erwarteten uns zahlreiche Klientinnen, die von unserer Arbeit gehört hatten, von unserer Ankunft wussten und nun mehr über das weitere Vorgehen erfahren wollten.
Dort fingen Kleinkinder bei meinem Anblick an zu schreien oder sie versuchten, mich zu berühren. Die meisten hatten noch nie eine Weiße gesehen und fanden diesen Anblick sehr unheimlich. Man klärte mich auf, dass man Kinder hier nicht mit dem „schwarzen", sondern natürlich mit dem „weißen Mann" erschreckt. Wie überall wurde ich mit den Worten „obroney, obroney" begrüßt, was übersetzt „weiße Person" heißt. Mit der Antwort „bibini" („schwarze Person" in der Landessprache Ghanas) brachte ich sie jedoch schnell zum erstaunten Verstummen.
Die in dem Gemeindehaus versammelten Frauen hörten gespannt den Ausführungen unseres Kreditbetreuers zu. Eine Diskussion über die Notwendigkeit der Kredite, der Kredithöhe und der Laufzeit entbrannte, von dem ich jedoch ohne Elisabeths Übersetzung nichts verstand. Die meisten unserer Kreditnehmer sprechen die ghanaische Sprache Twi, und obwohl Englisch die offizielle Amtssprache ist, sprechen es nur diejenigen, die eine Schule besucht hatten."
Diesem Treffen beizuwohnen und in die Gesichter der Menschen zu sehen, die eine Chance bekamen, ihrem Elend zu entfliehen, ließ mich Tränen der Rührung hinunterschlucken. Es war eine schöne Belohnung für all die vor dem Rechner verbrachten und verzweifelten Stunden mit der theoretischen Ausrichtung des Projektes - endlich wusste ich für wen wir so gekämpft hatten.
Seit zwei Wochen bin ich nun aus Ghana zurück und neben viel Schweiß und meiner sonst so üblichen Schnelligkeit bei der Arbeit, ist auch ein Teil meines Herzens in Afrika geblieben. Es war eine aufregende, auch recht anstrengende Zeit mit wenig Schlaf, und trotzdem möchte ich sie nicht missen. Ich habe so viele Eindrücke und Bilder im Kopf, die immer noch nicht verarbeitet sind, dass es mir schwer fällt zum „business as usual" zurück zu kehren.
Es war auf jeden Fall schön zu sehen, wie die Arbeit vor Ort wirklich funktioniert und den Inhalt der Projektberichte, die ich immer bekomme, einmal aus der Nähe betrachten zu können. Ich denke, dass unser Partner Sinapi Aba Trust eine richtig gute Arbeit macht und wir bedenkenlos unsere Spenden transferieren können. Wer immer noch vom schwachen weiblichen Geschlecht spricht, sollte sich die starken afrikanischen Frauen anschauen und dann für immer schweigen!"