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 Warum mit Opportunity International reisen?

von Michael Fritz

Der Anruf kommt unerwartet. Im November 2006 meldet sich Stefan Knüppel am Ende der Leitung, lädt uns ein, ihn auf eine Reise nach Ghana zu begleiten. Man solle sich von der Opportunity-Arbeit vor Ort ein Bild machen - die Kosten für die Reise müsse man allerdings selber tragen - man solle jedoch prüfen, ob und wie die Spendengelder wirken.

Das hört sich nicht nach Kulturreise an und klingt eher beunruhigend: tiefes Afrika, jenseits der europäischen Urlaubsclubs und Sicherheitsnormen - das bedeutet Malariagefahr, Konfrontation mit bitterer Armut und sozialen Verhältnissen, die wir Europäer glauben, für immer hinter uns gelassen zu haben. Nach langem Zögern entscheiden meine Frau Carola und ich: „Wir fahren trotzdem und gerade deshalb.“

Strasse in AccraAls wir im März 2007 von Accras Flughafen per Taxi ins Hotel fahren, bin ich schnell fasziniert: das Straßenbild ist bunt, wenn auch unglaublich unaufgeräumt. Unser Fahrer lässt sich gerne in ein Gespräch ziehen, ich frage ihm ein Loch in den Bauch: über Ghana und die Demokratie, über seinen Job und seine Familie, auch wir erzählen fast alles von uns.
Ghana war britisch und ist afrikanisch, beides im guten Sinne, wir fühlen uns willkommen. Großes Kino über Afrika ist klein gegen das, was wir hier erleben werden.

Bevor die anderen der Reisegruppe eintreffen würden, haben wir noch zwei Tage Zeit. Genug, uns ein wenig umzusehen. Wir wollen Accra und seine Menschen genauer kennen lernen. Über unendliche Märkte laufen wir uns die Füße platt. Überall Hühner, Hausrat, Händler.

Die Stadt, so scheint es, gehört den Händlern. Tatsächlich mangelt es der Volkswirtschaft erheblich im Produktionssektor. Und plötzlich: ein Opportunity International-Werbeplakat. Das erinnert uns daran, weshalb wir eigentlich hier sind: Opportunity soll hier mit Kleinkrediten Menschen in die produzierende Selbstständigkeit helfen. Ich finde das wichtig - da ich selbst Kleinunternehmer bin, hoffe ich von Herzen mit den Menschen hier!

Accra fehlt das internationale Flair, Erdbeben haben die architektonische Geschichte der Hauptstadt zerstört, alles wirkt für den Moment gebaut. Wir sind darüber traurig, ziehen an Zweckbauten der Verwaltung und Regierung vorbei, besuchen eine christliche Kirche.

Frauen in GhanaSo oft wir mit Leuten reden, spüren wir: das Potential Afrikas liegt zwischen den Menschen, in einer - für Europäer - außergewöhnlichen Freundschaftlichkeit. Doch  wir sind zu Beginn befangen: das Wissen um den Terror, den weiße Sklavenjäger über diese Menschen einst brachten, wird für uns bei einem Museumsbesuch in der Sklavenburg bei Cape Cost lebendig.
Hier in Accra sind wir für viele Stunden die einzigen Weißen im Gewühl und niemand, wirklich niemand ließ uns darunter leiden. Wir fühlen uns wieder sehr willkommen. Eine unsagbare Erfahrung der Verzeihung.

Am zweiten Tag betreten wir, nach sechsstündiger Fahrt mit dem Landrover, den Kakum-Nationalpark, einen UN-kontrollierten, tropischen Regenwald, eine menschenleere Naturwelt, ein Kontrast zum Getümmel von Accra. Wir wanken in 40 Meter Höhe über Hängebrücken durch die Kronen von Mahaghonibäumen.

Die Übernachtung ist ein Abenteuer: tief im Urwald, zwischen Affengeschrei, über uns kracht ein tropisches Gewitter, wir finden kaum Schlaf auf der Pritsche, auf alten Matratzen ohne Tuch, in einer Art wellblechgedecktem Minicarport, halb geschützt unter Moskitonetzen. Wir kuscheln uns dicht zusammen, es wird sehr kühl und dunkel in dieser Nacht.

Tags drauf bringt uns ein Buschtaxi wieder nach Accra. Kurz nach der abendlichen Ankunft im Hotel treffen auch Opportunity-Vorstand Stefan Knüppel und die drei anderen Spender ein. Stefan empfängt uns mit der ihm eigenen Herzlichkeit, alle sind sofort per Du. Man macht sich bekannt, bekennt die Motive des Spendertums. Wir freuen uns über die Bescheidenheit der anderen, denn es fallen Namen großer deutscher Unternehmen.

Am nächsten Morgen fahren wir acht Stunden nach Kumasi, von wo aus das Opportunity-Headquarter arbeitet. Unterwegs besuchen wir zwei Filialen und sehen auf Banktresen Berge von Banknoten. Die Inflation schwächt den Geldwert beständig.

Tags drauf sind wir um 7:30 Uhr zur Morgenandacht im Headquarter der Bank eingeladen. Im Namen Jesu wird gemeinsam gebetet und gesungen. Wir spüren das Gemeinschaftsgefühl dieser Menschen und freuen uns, daran teilzuhaben. Es folgt eine Powerpoint-Präsentation über Erfolg und Ziele der Kreditvergaben. Den Prüfungsbericht von Ernst und Young erhalte ich auf Anfrage auf meinen USB-Stick kopiert.

Am Nachmittag in einem abgelegenen Dorf. Wir sitzen einer Gruppe von 15 Frauen in Arbeiterkleidung gegenüber. Man stellt sich uns vor, man übersetzt Antworten auf unsere Fragen: „Ob denn die Opportunity-Kredite hätten helfen können?“ – „Ja, mit den Geldern hätte man Maschinen kaufen können. Eine Ölmühle, einen Generator.“ – „Und die Kinder?“ – Die Kleinen seien immer an der Seite ihrer Mütter, während diese arbeiten. Die Großen gingen nun zur Schule, man könne die Bücher endlich bezahlen. Ein Sohn würde sogar die Universität besuchen.

PalmoelherstellungDann führen uns die Kreditnehmerinnen durch ihre Palmöl-Manufaktur, der Qualm des Röstungsverfahrens ist unerträglich, die zur Waschung der geschälten Palmherzen dienenden Ölfässer, der Lärm der Dieselgeneratoren, all das macht einen frühindustriellen Eindruck und weiß nichts von Arbeitsschutz. Als wir die Werkstatt der Frauen verlassen, habe ich Tränen vom Rauch in den Augen, nicht nur vom Rauch, auch vor Ehrfurcht. Diese Frauen arbeiten hart, aber sie sind selbstständig. Ihre Männer sitzen im Dorf und spielen Karten. Ich verstehe nicht und bin wütend.

Wir möchten bleiben und noch mehr Menschen kennen lernen, deren einzige Chance auf Selbstständigkeit durch Opportunity-Kredite verwirklicht wurde. Doch nach einer Woche und tausend Eindrücken geht unser Flug nach Frankfurt. Im Stillen bin ich glücklich, hier einigen Frauen und Ihren Familien zu helfen.

Und zwar nicht mit Almosen, dessen Würdelosigkeit mir so unsympathisch ist, sondern mit Kleinkrediten, die eine echte Hilfe zur Selbsthilfe und vor allem zur Selbstverantwortung sind. Eine wesentliche Quelle von Selbstachtung ist doch die Fähigkeit, durch Arbeit seine Familie ernähren zu können. Mit diesen Menschen nur wenige Momente reden zu dürfen, darum reiste ich mit Opportunity International!

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