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Reisebericht von Uwe Heimowski: Ein Senfkorn Hoffnung - Existenzgründungen in Ghana

Der Autor Uwe Heimowski, Pastor einer Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde in Gera sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter des MDB und Frank Heinrich, Opportunity-Schirmherrn und Autor mehrerer Bücher, waren im Oktober mit auf einem Opportunity-Insight Trip in Ghanas Voltaregion.

Wessen Blick ruht stolzer auf der anderen? Der Blick der Tochter auf der Mutter, oder der Blick der Mutter auf der Tochter? Phyllis ist vierundzwanzig. Sie studiert Marketing an der Universität in Accra, der Hauptstadt Ghanas. Sie trägt ein modernes Kostüm, eine Designerbrille und hält ein Smartphone in der Hand. Daneben steht Elisabeth. Dreißig Jahre älter, und - so scheint es - gleich mehrere Generationen entfernt.

Elisabeth und Pyllis
Elisabeth und Phyllis vor ihrem Feld

Sie trägt ein einfaches Stoffgewand, ein Tuch auf dem Kopf und auf ihren Rücken ist einer ihrer Enkel gewickelt. Interessiert schaut das kleine Köpfchen in die Runde. Elisabeth ist Agrar-Unternehmerin. Sie lebt in der Volta Region im Südosten Ghanas an der Grenze zu Togo. Eine ländliche Gegend. Elisabeth besitzt ein Stück Land. Erbmasse ihrer Familie.

Vor einigen Jahren war sie nach einer Missernte quasi Bankrott. Ohne Rücklagen war es nicht mehr möglich, neues Saatgut zu kaufen. Sie erfuhr von einer „Trust-Bank", einer Gruppe von Existenzgründern, die sich zusammenschließen, eine einfache Einführung in Betriebswirtschaft, eine Schulung in ihrem Wirtschaftszweig, und ein rückzahlbares Startkapital erhalten.

Elisabeth meldete sich an und wurde in das Programm aufgenommen. Das Darlehen, ein sogenannter Mikrokredit von 300 Ghanaischen Cedi (umgerechnet etwa 150 EUR), reichte, um Saatgut und notwendiges Arbeitsmaterial zu erstehen. Noch wichtiger aber war die Schulung. Nana lernte etwas über Bewässerung der Pflanzen und über den Zweck eines Fruchtwechsels. Jahrzehntelang war auf dem Land der Sippe ausschließlich Maniok angebaut worden. Der Boden war ausgelaugt, der Ertrag kärglich.

Nun begann Elisabeth mit dem Anbau von Zwiebeln. Dann säte sie Karotten aus, und danach Maniok - und dann wieder Zwiebeln. Sie baute aus den Erträgen ein Bewässerungssystem und steigerte den Ertrag um ein mehrfaches. Heute hat sie vier Angestellte und kann dreimal im Jahr eine Ernte einfahren. Ihre jüngste Tochter konnte sie in eine gute Schule schicken, ja sogar auf die Universität.

Und die hat große Pläne. Phillys arbeitet gerade an ihrer Masterarbeit, wie die Produkte ihrer Mutter und der Region besser zu vermarkten wären. Eine Lagermöglichkeit will sie schaffen, damit Elisabeth antizyklisch verkaufen kann, und nicht dann, wenn der Markt von den gleichen Produkten überschwemmt wird. So lassen sich ganz andere Preise erzielen. Stolz schaut sie ihre Mutter an. Stolz lässt die Mutter sich die Pläne ihrer Tochter vom Englischen, mit dem Phyllis uns berichtet, ins Twi, ihrer Stammessprache, übersetzen, sie nickt eifrig.

Wir stehen im Schatten eines Kokospalme. Wir, das sind neun Personen aus Deutschland. Einige Unternehmer gehören zu unserer Gruppe. Auch Frank Heinrich ist dabei, MdB aus Chemnitz und Schirmherr von Opportunity International Deutschland (OID). Auf Einladung von OID sind wir in Ghana und besuchen Existenzgründer. OID sammelt Spenden und vergibt sie als Mikrokredit unter anderem nach Ghana. Mikrokredite sind eine Form der Entwicklungshilfe, die seit 2006 einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde als Muhammad Yunus den Friedensnobelpreis verliehen bekam. Der Wirtschaftswissenschaftler aus Bangladesh gründete die Grameen Bank, die sich auf Mikrokredite spezialisiert hat. Sein Gedanke ist einfach: viele Menschen wären bereit, ein eigenes kleines Unternehmen zu gründen. Doch ihr Kapitalbedarf ist für eine herkömmliche Bank nicht interessant. Sie benötigen nur kleine Summen, und bieten keine Sicherheiten außer ihrer Geschäftsidee.

OID setzt als Sicherheit auf zwei Komponenten: eine begleitende Schulung für die Existenzgründer, und auf die Verbindlichkeit einer Gruppe. Die Kreditnehmer gründen mit jeweils acht bis zehn Personen eine „Trust-Bank", eine Art kleiner Genossenschaft, in der einer für den anderen bürgt. Ein hervorragendes Modell für den ländlichen Raum, der mit seiner hohen sozialen Verbindlichkeit dafür bürgt, dass es kaum zu Ausfällen bei der Rückzahlung kommt, die Ausfallquote liegt weltweit unter drei Prozent.

Die Besten
Wir wollen mal die Besten sein

Und zurückgezahlt werden müssen die Kredite, sogar zu ortsüblichen Zinsen, die nicht selten bei 20 Prozent liegen. Ist das nicht Ausbeutung? Yunus und andere Mikrofinanzgeber verwahren sich gegen diesen Gedanken. Ihre Argumente: Erstens fließt das rückgezahlte Geld komplett zurück in neue Kredite im jeweiligen Land, und zweitens müssen die Existenzgründer ihr „business" unter realen wirtschaftliche Bedingungen etablieren, sonst bleibt die Hilfe ein Almosen und verhilft nicht zum Start in eine neue Existenz.

Der einmische Partner von OID, die generell mit Institutionen vor Ort zusammenarbeiten, heißt Sinapi Aba Trust (SAT). Zu deutsch: Senfkorn. SAT bringt in seinem Leitbild den Ansatz der Mikrofinanzierer auf den Punkt: „Wir wollen Menschen die Würde geben, für sich selbst, für ihre Familie, für ihre Kirche und für ihre Kommune zu sorgen." Ein Cousin von Phyllis - brother nennt sie ihn, auf Nachfrage erfahren wir, dass es der Sohn ihrer Tante ist, aber alle Verwandten heißen erstmal brother oder sister - sitzt unter der Palme, grüne Kokosnüsse vor sich aufgestapelt und und öffnet sie geschickt mit den kurzen Schlägen einer rostigen, stumpfen Machete.

Die Kokosmilch ist herrlich erfrischend bei diesem Wetter: 26 Grad sind es Anfang Oktober, bei über 90% Luftfeuchtigkeit. Nicht nur uns Europäern rinnt der Schweiß. Wie kann man arbeiten bei diesem Klima? Immerhin ist im Moment Regenzeit, und damit die kühlere Jahreszeit. Jemand beschreibt den Arbeitsstil mit „easy going". Easy, also gemach, aber going, also stetig, wird geschafft. Vor allem die Frauen sind unentwegt in Bewegung. Die Männer sitzen schon mal mit einer Bierdose im Schatten und schauen zu. 90 Prozent der Existenzgründer sind weiblich. Frauen übernehmen Verantwortung für die Familie und sind geschäftstüchtig, Männer vertrinken oder verspielen ihr Kapital. Frauen, das formulierte schon Altbundespräsident Heinz Köhler, ein großer Freund Afrikas, sind die Hoffnung für den schwarzen Kontinent. Unter Christen, so erfahren wir, ist es meistens etwas anders. Viele Pastoren predigen von der Verantwortung der Männer, und langsam verändert sich hier das Rollenbild.

Schule
Lernen macht Spaß

Die meisten Frauen wollen ihren Kindern eine gute Schulausbildung ermöglichen. Doch die staatlichen Schulen sind oft überfüllt, die Lehrer sind schlecht bezahlt und entsprechend wenig motiviert. Als Alternativen entstehen vielerorts Privatschulen, häufig in der Trägerschaft einer der unzähligen christlichen Kirchen in Ghana (ein Schilderwald säumt die Straßen: „New charismatic Church"; „Bishop Ndabi Revival Church"; „Universal baptists"; „Assembly of Ghana" und so weiter). SAT unterstützt auch die Schulprojekte mit Krediten. Sie refinanzieren sich über Schulgeld. Den Eltern ist die gute Ausbildung der Kinder etwas wert.

Und die kleinen tragen stolz ihre Schuluniformen und sind hochmotiviert. Der kleine Lernvers an der Wand der Primarschule spricht für sich selbst: „Good, better, best. I will never rest till my good is better and my better best." (Zu deutsch: Gut, besser, am besten. Ich werde niemals rasten, bis mein gut besser ist und mein besser am besten." Dass der Schulraum, den wir ansehen, nur aus einem Holzgerüst besteht, das mit Palmwedeln abgedeckt ist, dass die grob gezimmerten Schulbänke direkt auf der roten afrikanischen Erde stehen, stört die Kinder nicht im geringsten. Mit strahlenden Augen deklamieren sie Buchstaben- und Zahlenreihen. Die Lehrerin zuerst, dann die Kinder im Chor. Methodisch besteht hier sicher noch Nachholbedarf...

John
John lernt Automechaniker

Wir besichtigen einige Ausbildungsbetriebe. Eine Autowerkstatt - ah, hier ist mein 15 Jahre alter Toyota gelandet - , einen Beautyshop - liebevoll werden Zöpfe mit Kunsthaar in die Krausköpfe geflochten, eine Schneiderei. Auch diese Betriebe unterstützt SAT. Ausbildungen, so erfahren wir, werden grundsätzlich nur in der Sippe weitergeben. Wer nicht dazu gehört, kann keinen Beruf lernen. Wie zur Zeit der Zünfte, denke ich. SAT bindet daher die Vergabe von Krediten ab einer bestimmten Größe mit der Bereitschaft Auzubis anzustellen. Und tatsächlich: es funktioniert.

Wir treffen Ndabi. Sie arbeitet an einer Schwungrad betriebenen "Butterfly" Nähmaschine. Die ist sicher mehr als dreißig Jahre alt, aber sie läuft. Gerne zeigt Ndabi uns das Kleid, das unter ihren Händen entsteht. Sie ist sehr geschickt. Was sie einmal werden will, fragen wir. Sie lacht. „Madam", will sie werden. „Madam" so spricht sie ihre Chefin an.

Und ihr eigenes kleines Geschäft will sie aufbauen. Und junge Menschen ausbilden. Sie hat Ziele. Und sie hat diesen wunderbaren afrikanischen Stolz in ihrem Blick. Wie Phyllis. Und wie Elisabeth.