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Mikrofinanz: Rückbesinnung auf Ursprungsidee ist nötig

H. Burlager

Niclaus Bergmann, Geschäftsführer der Sparkassenstiftung für internationale Kooperation, sprach bei einer Tagung von Opportunity International in Köln. Ein Gastbeitrag von NWZ-Redakteur und Opportunity-Botschafter Helmut Burlager.

Selbstmorde von Kreditnehmerinnen in Indien, politischer Streit um Nobelpreisträger Muhammad Yunus, kritische bis negative Presse - der Geschäftsführer der Sparkassenstiftung für internationale Kooperation, Niclaus Bergmann, sieht die Entwicklungshilfe durch Mikrofinanz weltweit in einer „Identitätskrise", hält sie aber keineswegs für gescheitert. Im Gegenteil: Aus einer Phase der Selbstfindung könnten die Institutionen, die sich mit Mikrofinanzierung beschäftigten, gestärkt hervorgehen

Niclaus Bergmann
Niclaus Bergmann, Geschäftsführer der Spar-
kassenstiftung für internationale Kooperation
Foto: H. Burlager

Es sei nicht die erste Krise, die die Mikrofinanz zu überstehen hat. Wichtig sei eine Rückbesinnung auf die Ursprungsidee der Armutsbekämpfung in den Entwicklungsländern, sagte Bergmann auf einer Tagung der Stiftung „Opportunity International Deutschland"  in Köln. In die Schlagzeilen gekommen ist Mikrofinanz zum einen durch die Abberufung des Nobelpreisträgers Muhammad Yunus, der Mikrokredite weltweit bekannt machte, als Chef der Grameen-Bank.

Ein Vorgang, der seinen Grund nach Ansicht Bergmanns aber in politischen Ränkespielen im Heimatland von Yunus, Bangladesch, habe und nicht in der Institution selbst. Zum anderen habe eine Selbstmordwelle unter Kreditnehmerinnen im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh dem Ruf der Mikrokredite geschadet. Wobei man wissen müsse, dass es für Indien nicht so ungewöhnlich sei, dass sich im Falle von Verschuldung ein Familienmitglied durch Suizid für den Familienclan opfere. Jedenfalls hätten die Vorgänge in Indien die Politik dort zu einer rigiden Reglementierung des Mikrofinanzsektors bewogen, die die ganze Branche abzuwürgen drohe.

Aktuell wird in den Medien und in der Fachwelt deshalb recht heftig über Sinn und Wirksamkeit der Mikrofinanzierung gestritten.  So wie das Thema nach dem Nobelpreis für Yunus „hochgepusht" worden sei, so werde es jetzt teilweise „runtergeschrieben", sagte Bergmann.

Es gebe aktuell in einigen Ländern wirkliche Probleme. Das habe seinen Grund teilweise in der Überbewertung der Möglichkeiten von Mikrofinanz, die so nicht hätten erfüllt werden können, zum anderen im extrem schnellen Wachstum der Mikrofinanzbranche, was zu neuen Risiken wie zu organisatorischen Problemen geführt habe.  Für Niclaus Bergmann ergeben sich aus der „Identitätskrise" der Mikrofinanz Konsequenzen für die Zukunft einer Branche, die ohnehin im Umbruch sei. Die klare Fokussierung auf das Thema Kredite habe sich in den letzten Jahren geändert. Heute würden vermehrt auch andere Finanzdienstleistungen für die ärmere Bevölkerung in den Entwicklungsländern angeboten, die ebenso wichtig seien.

„Die Armen müssen sparen", sagte Bergmann. Sonst hätten sie keine Möglichkeit, in schwierigeren Zeiten über Engpässe hinwegzukommen. Nicht weniger bedeutsam sei der Zugang zu Zahlungsverkehr, was zum Beispiel den Transfer von Geld, das Familienangehörige im Ausland oder in den Städten verdienten, auf die Dörfer möglich mache. Ein weiterer Aspekt sei die Absicherung gegen Lebensrisiken durch einfache Versicherungen.

Die Branche gehe zudem den Weg der Professionalisierung: Mikrofinanz-Institute - auch solche mit sozialem Auftrag - müssten profitabel arbeiten, um nicht auf Dauer von Spenden abhängig zu sein. Das könne zu Interessenkonflikten führen. Doch Bergmann hält ein Nebeneinander von finanzieller Rendite und sozialer Rendite („Sie sind zwei Seiten einer Medaille") für ebenso notwendig wie ein Nebeneinander von renditeorientierten Investoren und sozialen  Spendern. Die Wirkungsmöglichkeiten von Mikrofinanz sollten wieder realistischer eingeschätzt und dargestellt werden. „Mikrofinanz", so Bergmann, „ist kein Allheilmittel, aber - richtig eingesetzt - eines der wichtigsten Instrumente in der Entwicklungszusammenarbeit." Diesem Anspruch versucht Opportunity International jeden Tag aufs Neue gerecht zu werden.