Lebensschulen - Zwei (fast) unmögliche Schulen in Deutschland und Ghana
|
Eigentlich ist sie ein Ding der Unmöglichkeit, die Elbe-Jeetzel-Schule mit ihren sonnengelben Wänden und den Schaukeln auf dem Schulhof. Denn hierher kommen nur Kinder, die an Regelschulen nicht mehr „beschulbar" sind, die lautstark auffallen oder sich zurückziehen, die sich nicht konzentrieren können, sich verweigern oder schweigen. Warum? Weil ihre Seele so stark verletzt wurde, dass Behörden von „seelischer Behinderung" sprechen. Kinder also, die zum Beispiel sexuell missbraucht wurden, die ihre Eltern verloren haben oder vernachlässigt wurden.
Eine Schule für Unbeschulbare - unmöglich? Nicht ganz, wie man hier im niedersächsischen Dannenberg in der Nähe von Lüneburg sehen kann. Es gibt sie doch, die unmögliche Schule. Und beim letzten Schulfest zum Thema „Afrika" haben Schüler und Lehrer über 1.000 Euro für Opportunity gesammelt: zum Beispiel mit selbst gemalten Bildern, die sie dann verkauften, mit einer Fußballwette oder afrikanischem Fingerfood.
|
„Ich war im letzten Herbst in Ghana", sagt Schulleiterin Christel Fathmann. Richtig begeistert hat sie die Microschool von Comfort Amofah. Die sechzigjährige Witwe hatte mit einem Mikrokredit von Opportunity eine kleine Schule in ihrem Dorf gegründet, weil der Weg zur nächsten staatlichen Schule für die Dorfkinder zu weit war. „Ich kannte Comforts Schule ja aus dem Internet, aber dann schon von weitem aus dem Autofenster in das Klassenzimmer zu sehen, das hat mich unglaublich beeindruckt." Mit dieser Begeisterung hat sie nun Schüler und Lehrer angesteckt: Im Flur hängen Fotos von der Ghana-Reise und ihren selbst gedrehten Ghana-Film haben alle Kinder gesehen und ganz interessiert Fragen gestellt.
Ihre Schule sei außerdem ein bisschen wie eine Microschool: dort entstanden, wo der Staat aufgegeben hat. Am Rande der Möglichkeiten. Privatinitiative. Vor fünf Jahren haben Christel und Bernard Fathmann den Grundstein der Elbe-Jeetzel-Schule für soziale und emotionale Entwicklung gelegt. Damals hatten Fathmanns schon mehrere heilpädagogische Wohngruppen gegründet. Aber in der Umgebung gab es keine Schulen für „ihre" Kinder. Also packten Fathmanns selbst an.
|
Heute besuchen 120 Schüler von der ersten bis zur zehnten Klasse die Elbe-Jeetzel-Schule. Jede Klasse hat einen Lehrer und einen pädagogischen Mitarbeiter. Sechs oder acht Kinder lernen zusammen, von hochbegabt bis lernbehindert. Sie können hier einen Abschluss der Förder-, Haupt- oder Realschule machen. Dennoch versteht sich die Schule als „Durchgangsschule"; wenn möglich sollen die Kinder neben Wissen auch noch „das Leben" so gut lernen, dass sie „zurückgeschult" werden können in Regelschulen. Oder das Abitur am Gymnasium bestehen. Die Bezeichnung „Lebensschule" gewinnt hier an ganz neuer Tiefe.
Um ein Uhr klingelt es, Schulschluss. Jetzt gehen die meisten Schüler in eine Wohngruppe, also nach Hause. Oder sie reiten auf der schuleigenen Koppel. Dort arbeiten Reittherapeuten: „Das ist eine super Sache, der Kontakt zum Pferd. Ängste werden abgebaut, Selbstvertrauen aufgebaut, das ist unglaublich vielfältig", meint Christel Fathmann - und packt wieder an: Gerade baut die Elbe-Jeetzel-Schule eine Turnhalle.
An der Wand des Lehrerzimmers hängt ein Leitspruch der Schule: „Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdiene, denn dann brauche ich es am dringendsten." Der könnte auch in Ghana hängen, bei Comfort Amofah, einer anderen (fast) unmöglichen Schule.











